R. Kelly: Verurteilt wegen Missbrauchs - Vorwürfe sind viel älter (2024)

Mit einer Kugel im Körper zieht R. Kelly los, um mit seiner Musik die Welt zu erobern. Gleichzeitig zielt er auf die Herzen junger Frauen. Mitunter sind diese zu jung: Drei Jahrzehnte lang sieht sich der Sänger immer neuen Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt. Nun droht ihm eine lebenslange Haft.

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Sein Leben beginnt filmreif: Robert Sylvester Kelly wächst mit drei Geschwistern in einem Armenviertel von Chicago bei der Mutter auf, Gewalt ist an der Tagesordnung. Auf dem Weg zur Schule trifft ihn gar eine Kugel in die Schulter. Später berichtet «R.» Kelly, wie er sich als Künstler nennt, er sei als Junge sexuell missbraucht worden. Doch er lässt sich nicht beirren: Die Kugel bleibt, wo sie ist, und Kelly versucht nach der High School auf der Strasse sein Glück – als Musiker.

Mit Erfolg: Sein Talent wird erkannt, 1991 kommt er bei einem professionellen Plattenlabel unter Vertrag. Fortan sonnt sich Kelly im Scheinwerferlicht, er ist von Beginn an kommerziell erfolgreich – und doch werden früh auch erste Schatten sichtbar. So verstirbt seine Mutter an einer Krebserkrankung, als ihm 1993 der internationale Durchbruch gelingt. Und als er ein Jahr später reihenweise Preise einheimst, heiratet er heimlich eine 15-jährige Künstlerin, die sich von Kelly Unterstützung erhoffte.

Die Rede ist von Aaliyah, der Sängerin, die 2001 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Vor dem Standesamt erklärt sie, 18 Jahre alt zu sein, knapp zehn Jahre jünger als der Mann neben ihr. In Wahrheit sind es 13 Jahre, wie ihre Mutter bei den Behörden klarstellt. Die Ehe wird nach wenigen Monaten annulliert. Weil er sich ahnungslos gibt, bleibt Kelly unbeschadet.

In Kellys Privatleben zeichnet sich ein verhängnisvolles Muster ab

Dabei bleibt es allerdings nicht. Vielmehr zeichnet sich früh in Kellys Privatleben ein Muster ab, das dem heute 54-Jährigen nun zum Verhängnis zu werden droht. Jetzt erst, würden diejenigen sagen, die ihn angeklagt haben. Doch der Reihe nach, zurück also in die 1990er Jahre, als sich der Sänger seinen Platz an der Spitze des Pop-Himmels sichert.

Bereits seine erste Veröffentlichung wird in den USA 1993 ein Platin-Erfolg. Platin oder Mehrfachplatin sind fortan Standard bei Kellys Alben und Auskopplungen. Die Single «I Believe I Can Fly», die den Soundtrack zum Film «Space Jam» liefert, wird sein bis heute grösster Hit und bringt ihm neben dem kommerziellen Erfolg auch höchste künstlerische Ehren, etwa bei der Grammy-Preisverleihung.

Daneben verhilft Kelly als Songwriter, Produzent oder am Mischpult anderen Superstars wie Janet und Michael Jackson, Whitney Houston, Mariah Carey, Céline Dion, Britney Spears und eben Aaliyah zu Welterfolgen. Zu seinen Kunden und Gesangspartnern zählen später auch Kanye West, Justin Bieber oder Lady Gaga: Kelly blieb als Künstler immer ein gesuchter Mann – auf Top-Niveau.

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Kelly stand bereits wegen Kinderp*rnografie vor Gericht

Und doch kommt sein jäher Absturz im Jahr 2019 alles andere als überraschend. Denn von Anfang an waren seine glänzenden Erfolge begleitet von Vorwürfen sexueller Gewalt gegenüber Minderjährigen. 2010 musste er sich sogar wegen des Vorwurfs der Herstellung von Kinderp*rnografie vor Gericht verantworten. Zu einer Verurteilung ist es allerdings nie gekommen. Im betreffenden Verfahren wurde er mangels Beweisen freigesprochen. In anderen Fällen einigte sich der Superstar mit den Klägerinnen aussergerichtlich auf die Zahlung von Schweigegeldern.

Zuletzt aber zogen immer mehr dunkle Wolken auf. Und sie liessen sich nun auch mit Geld nicht mehr vertreiben. Grund hierfür war die Fernsehdokumentation «Surviving R. Kelly», die im Zuge der #MeToo-Bewegung entstand und im Januar 2019 vom amerikanischen TV-Sender Lifetime ausgestrahlt wurde. Die sechsteilige Serie fasst diverse Anschuldigungen zusammen. Dabei mischen sich bereits bekannte Fakten und Mutmassungen mit den Berichten vorgeblicher Opfer. Sogar seine sieben Jahre jüngere Ex-Frau Andrea, mit der er drei Kinder hat, berichtet in der Doku von Misshandlungen.

Kelly und sein Management wiesen die Anschuldigungen zurück. Es handle sich bei den Protagonisten um «Unruhestifter und Lügner», die nach «Profit und Ruhm» trachteten. Fakt ist: Die Staatsanwaltschaft nahm die Berichte ernst und rief nach Ausstrahlung der Dokumentation mögliche Zeugen und Opfer auf, sich bei ihr zu melden.

Kelly selbst wurde kurz darauf in seiner Heimatstadt Chicago festgenommen. Seit mittlerweile zwei Jahren sitzt er in Untersuchungshaft, nachdem er vorübergehend auf Kaution freigekommen war. Weitere Versuche, sich mit seinem Vermögen Freiheit zu erkaufen, wurden wegen Fluchtgefahr abgelehnt.

Die Staatsanwaltschaft spricht von mafiösen Strukturen

Im August begann nun in New York City ein Gerichtsprozess. Dutzende von Zeugen hatten sich zu Wort gemeldet und Hunderte von Beweisstücken waren gesichtet worden. Der Musiker selbst sagte nicht aus, verfolgte das Verfahren aber im Gerichtssaal. Die Geschworenen, sieben Männer und fünf Frauen, befanden Kelly schliesslich am Montag in allen neun Anklagepunkten für schuldig. Damit droht ihm eine Haftstrafe von zehn Jahren bis lebenslang. Das Urteil nahm Kelly laut Beobachtern bewegungslos mit heruntergebeugtem Kopf auf.

Damit nicht genug: Hinsichtlich Inhalt und Umfang liegen in Chicago und Minnesota zudem ähnliche Anklageschriften vor. Im Kern geht es dabei stets um sexuellen Missbrauch überwiegend minderjähriger Personen, zu denen auch ein Junge zählt, sowie die Produktion von Kinderp*rnografie. Die Staatsanwaltschaft sprach sogar von mafiösen Strukturen in Kellys Firma: Gemeinsam mit einem Team von Angestellten soll er jahrelang Mädchen und Frauen systematisch aufgespürt, erpresst und zum Sex gezwungen haben.

Kelly lässt sich inzwischen von einem dritten Anwaltsteam vertreten. Die Vorgänger hatten seine Verteidigung aufgegeben, wenngleich sie dafür nicht Kelly selbst verantwortlich machen. Sein neuer Anwalt bestätigte unterdessen den wohl ältesten Vorwurf: So sei es Anfang der 1990er Jahre tatsächlich zu sexuellen Handlungen mit der damals minderjährigen Aaliyah gekommen. Beide Beteiligten hatten dies in der Öffentlichkeit stets abgestritten. Aaliyah kann sich dazu nicht mehr äussern, auch wenn sie 20 Jahre nach ihrem Tod als Kronzeugin geführt wird.

Kellys Rückkehr auf die Bühne ist mittlerweile so gut wie ausgeschlossen, ganz gleich, wie die Verfahren enden werden. Um den Sänger war es bereits vorher einsam geworden, zahlreiche Kollegen haben sich von ihm distanziert. Bereits 2019 liess etwa Lady Gaga ihr Duett mit Kelly von allen Downloadportalen entfernen. Der Streamingdienst Spotify löschte gleich sämtliche Titel aus seinen Wiedergabelisten. Und sogar sein Plattenlabel RCA Records hat die Zusammenarbeit beendet: Aus Kellys Höhenflug ist längst ein tiefer Fall geworden.

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Prozess gegen früheren Superstar R. Kelly startet in New York R. Kelly muss sich am Montag unter anderem wegen Erpressung und sexueller Ausbeutung Minderjähriger vor einem Gericht in New York verantworten. Die Auftaktplädoyers sind für den 18.August angesetzt.

R. Kelly wegen sexuellen Missbrauchs in zehn Fällen angeklagt Jahrzehntelang haben immer wieder Frauen den amerikanischen Sänger beschuldigt, sie sexuell misshandelt zu haben, darunter mehrere Minderjährige. Bisher kam R. Kelly davon. Nach neuen Vorwürfen hat sich der 52-Jährige am Freitag den Behörden gestellt.

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